6. Ein paar persönliche Anmerkungen

Viele von Ihnen werden sich denken: „Hey, ich habe schon so oft mit einer Erkältung trainiert, mir ist noch nie etwas passiert. So was trifft nur andere, aber nicht mich.“ Aber sind sie sich da auch wirklich sicher? Wie oben bereits beschrieben kann es durchaus sein, dass sie in der Vergangenheit bereits eine Myokarditis erwischt hat, sie diese aber einfach nicht bemerkt hatten und keine Symptome einer Herzinsuffizienz verspürten. Nicht umsonst wird angenommen, dass die Dunkelziffer nicht erkannter Herzmuskelentzündungen gerade unter Sportlern nicht gering ist. Liest man aufmerksam in den deutschen Bodybuilding-Internetforen mit, so findet man immer wieder User, die eine entsprechende Diagnose vom Arzt gestellt bekommen.

Auf einer der letzten Deutschen Meisterschaften im Bodybuilding habe ich mich diesbezüglich mit einem ehemaligen Deutschen Meister unterhalten, der kurz vorher zufällig einen Kardiologen aufsuchen musste. Von diesem wurde er explizit darauf angesprochen, dass sein Herzultraschall Auffälligkeiten zeigte, die auf in der Vergangenheit aufgetretene Erkältungen hindeuten. Man hätte hier sicher auch direkt von einer ausgeheilten, leichten Myokarditis sprechen können.

Auch ich selbst dachte einmal, dass ein Training bei einer Erkältung nicht so schlimm sei. Über Jahre ging es immer gut und von einer Herzmuskelentzündung hatte ich noch nie etwas gehört. Vor 3 Jahren war es dann soweit, ich hatte gerade mit der Vorbereitung auf die deutsche Meisterschaft 2005 begonnen als mich eine schwere Grippe erwischte. Ich wollte mir aber keine Auszeit gönnen, weil eine Pause für mich gleichbedeutend mit Schwäche war. Drei Tage machte ich dennoch Pause, die Grippe ebbte ein wenig ab, danach ging es mit Volldampf im Training weiter. Nach 2 Wochen bekam ich immer mehr Probleme im Training mit der Ausdauerleistung, aber ich führte das auf zu wenig aerobes Training zurück. Nach einer weiteren Woche bekam ich auch schon Atemnot, wenn ich nur drei Treppenstufen steigen musste. Dann setzte Husten und ein Rasseln beim Atmen ein, weil die Bronchien völlig dicht waren. Ich bekam auch bei sehr tiefen Atemzügen das Gefühl, als hätte ich meine Lunge immer noch nicht voll. Endlich merkte ich, dass es eben nicht nur schlechte Ausdauer war und ging zu meinem Hausarzt. Der stellte einen Ruhepuls von 120 fest mit schweren Rhythmusstörungen. Das im Zusammenhang mit meiner vorherigen Grippe reichte ihm und er schickte mich sofort ins Krankenhaus. Meine Pumpleistung war mittlerweile auf nur noch 10%, mein Herz ähnelte im Ultraschall eher einem schlaffen Sack als der kräftigen Pumpe eines Leistungssportlers, die linke Herzkammer hatte sich auf 10cm vergrößert und mein Lungenödem verursachte, dass ich kaum noch Sauerstoff im Blut hatte. Sofort landete ich auf der Intensivstation.

Heute, nach 3 Jahren und einer wahren Odyssee an Ärzten incl. oben beschriebener Immunadsorptionstherapie, kann ich endlich wieder Sport treiben und es besteht nach wie vor Hoffnung, dass sich mein Herz irgendwann wieder komplett erholt, auch wenn es zeitweise nach einem chronischen Verlauf aussah. Ob ich jemals wieder auf einer Wettkampfbühne stehen werde, das steht in den Sternen. Mittlerweile habe ich ohnehin die Seiten gewechselt und bereite lieber Athleten auf nationale und internationale Wettkämpfe vor.

Wenn sie krank sind stellen sie sich also immer die Frage, ob der vermeintliche Muskelverlust einer Trainingspause von vielleicht einer Woche das Risiko aufwiegt, gegebenenfalls über Monate mit dem Training aussetzen zu müssen oder vielleicht sogar nie wieder richtig ans Eisen zu können, von möglichen Folgen wie Sekundentod oder Transplantation ganz zu schweigen. Der gefühlte „Muskelverlust“ in einer Woche ohne Training ist jedenfalls eher ein psychisches, weniger ein physisches Problem.


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