BamBam’s View – Entscheidet wirklich die Genetik?
Immer wieder lese ich in der letzten Zeit in Internetforen, daß
die Genetik als zentraler Faktor bestimmen soll, wie weit man es im
Bodybuilding bringen kann. Meist kommt diese Aussage von Sportlern,
die mit ihren Fortschritten nicht zufrieden sind und nun auf der
Suche nach den Ursachen für ihren mangelnden Erfolg sind. Oft ist
dann die Rede davon, daß das „genetische Limit“
erreicht wurde und dies der Grund dafür ist, daß man einfach nicht
weiter kommt. Andere wiederum kommen auch mit der
Selbsteinschätzung daher, daß sie ein „Hardgainer“
seien, der nur schwer Muskelmasse aufbaut. Ich frage mich dann
immer, was eigentlich genau mit der Genetik gemeint sein soll und
was einen Hardgainer auszeichnet.
Ein effektiver Muskelaufbau hängt von vielen Faktoren ab –
hartem und produktivem Training, einer durchdachten und vor allen
Dingen ausreichenden Ernährung, fortwährendem Trainingsfleiß, der
Disziplin dieses auch durchzuziehen, Konstanz nicht nur für einige
Wochen, sondern oft über Jahre. Man könnte diese auch als
Willensfaktoren bezeichnen, lassen sie sich doch alle bewusst
beeinflussen.
Zusätzlich sind aber ebenfalls andere Punkte maßgeblich beteiligt,
die man nicht oder nur wenig beeinflussen kann und die deshalb
vielleicht wirklich unter dem Begriff Genetik eingeordnet werden
könnten, wie der Körperbau, die Stoffwechselgeschwindigkeit, der
Grad der Nahrungsverwertung, das Verhältnis von roten zu weißen
Muskelfasern, die Muskelform oder auch die Anzahl und Verteilung
der Fettzellen.
Aber was macht einen Hardgainer zum Hardgainer? Ist es wirklich die
Genetik, die ihn am Muskelaufbau hindert? Oder sind vielleicht ganz
andere Faktoren entscheidend?
Gerade Anfänger machen sich oft darüber Gedanken, was sie mit ihrer
Genetik denn erreichen können. Irgendwie ist das etwas, was ich nie
verstehen werde. Das ist genauso, als wenn man sich bei
Schuleintritt Gedanken macht, welchen Notendurchschnitt man
irgendwann am Ende seines Schülerlebens haben wird.
Wenn ich auf meine fast 20 Jahre im Sport zurückblicke, dann stelle
ich fest, daß ich in dieser Zeit eigentlich nur vier oder fünf
echte Hardgainer erlebt habe, die trotz aller Mühen und
Entbehrungen keine nennenswerte Muskelmasse aufbauen konnten.
Prozentual gesehen ist dieser Anteil verschwindend gering und
eigentlich nur im Promille-Bereich anzusiedeln. Bei allen anderen
waren keine der obigen genetischen, sondern die Willensfaktoren
entscheidend, allen voran die Ernährung. Natürlich gibt es
Menschen, die einen schnellen Stoffwechsel haben und evtl. auch
schlechte Futterverwerter sind. Aber das bedeutet doch noch lange
nicht, daß sie nicht in der Lage sind ein gehöriges Maß an
Muskelmasse aufzubauen.
Schauen Sie sich einmal die Profis der Vergangenheit und Gegenwart
an. Arnold Schwarzenegger wurde nach 6 Jahren Training Mr. Olympia,
er ist ein perfektes Beispiel für eine gute Genetik, genau wie z.B.
auch Lee Priest, der mit Anfang 20 bereits seine Profi-Lizenz
hatte.
Aber es gab auch Athleten, die genau das Gegenteil dieser Gruppe
darstellten. Frank Zane z.B. erfüllte fast alle Punkte, die einen
Hardgainer auszeichnen. Trotzdem konnte er 3x die Krone des Mr.
Olympia erringen und ist heute noch für viele ein Vorbild an
Ästhetik. Tom Platz, der Mann mit der vielleicht beeindruckendsten
Beinentwicklung der Bodybuilding-Geschichte war mit Sicherheit beim
Knochenbau von seinen Eltern nicht gerade reich beschenkt worden,
hatte er doch relativ schmale Schultern und eine breite Taille.
Dennoch glich er dieses Manko aus und schaffte es zu einem
Top-Profi seiner Zeit. Günther Schlierkamp hat eine der breitesten
Taillen, die ich je auf der Bühne gesehen habe. Heute ist er
mehrfacher Finalist des Mr. Olympia. Auf der anderen Seite gibt es
genetische Überflieger, die nie wirklich Ihr Potential
ausschöpften, obwohl sie den Sport hätten dominieren können. Man
denke nur einmal an Flex Wheeler. Es gibt genug Beispiele für
Gen-Wunder, die trotz ihrer herausragenden Veranlagung nie ihr
Maximum erreicht haben.
Nur, wenn es ein Hardgainer wie Zane mit seiner schlechten Genetik
bis an die Spitze bringen kann, ein anderer mit Top-Genen aber
nicht, dann sollte doch auch ein Durchschnittsportler mit noch
schlechteren Voraussetzungen zumindest einen Körper erschaffen
können, der sich von der breiten Masse abhebt. Spätestens hier
sollte einem klar werden, daß es eben nicht die Gene sind, sondern
die von einem selbst beeinflussbaren Faktoren.
Letztlich wird der Faktor Genetik deutlich überschätzt. Hart
trainieren, gut und reichlich Essen, sowie vor allen Dingen nie
aufgeben, das ist das Geheimnis des Erfolgs im Bodybuilding. Zane
wurde nicht deshalb Mr Olympia, weil er sich ständig eingeredet
hat, daß er Hardgainer ist und deshalb sowieso nichts aus ihm wird.
Schlierkamp hat sicher oft gehört, daß er ein zu breites Becken
hat. Seine Antwort waren so breite Schultern, daß man dahinter zwei
Kleiderschränke verstecken könnte. Selbst Ronnie Coleman wurde bei
seiner ersten Mr.Olympia-Teilnahme in einer Zeitschrift prophezeit,
daß er es nie als Profi in obere Gefilde bringen könnte, weil er zu
wenig Brustkorbvolumen hätte. Und heute ist er der Gigant, an dem
sich alle die Zähne ausbeißen.
Körperliche Schwächen sind ein Grund, genau diese zu bearbeiten und
nicht, diese als schlechte Genetik abzutun. Wer dünne Beine hat,
der wird vielleicht nie die Haxen eines Tom Platz kriegen, aber er
kann sie soweit entwickeln, daß sie trotzdem eine
überdurchschnittliche Muskulatur aufweisen. Und wenn es nicht mit
dem Training oder der Ernährung funktioniert, welche man aktuell
praktiziert, dann muss man hier eben Änderungen vornehmen. Der
Geist beherrscht den Körper, nicht umgekehrt. Das ist es
schließlich, worum es im Bodybuilding geht - den Körper nach den
eigenen Vorstellungen zu formen.
Vielleicht lassen sich aber auch zu viele von den Bildern der
Profis beeinflussen und nehmen diese als Maßstab, mit dem sie sich
selbst vergleichen. Dabei wird natürlich vergessen, daß ein Ronnie
Coleman über 25 Jahre Training auf dem Buckel hat und eventuell
auch mit anderen Hilfsmitteln arbeitet, die man als Hobbysportler
eben nicht zur Verfügung hat. Ein Profisportler kann nie das
Vorbild für einen Hobbyathleten sein, zumindest nicht, solange
dieser nicht bereit ist denselben Weg zu gehen, jahrelange
Entbehrungen auf sich zu nehmen und vielleicht sogar seine
Gesundheit auf dem Altar des Sports zu opfern.
Das irrsinnige ist, daß nicht wenige Anfänger in unserem Sport
meinen, in kürzester Zeit einen eindrucksvollen Körper wie ein
Leistungsbodybuilder aufbauen zu können, dabei aber nur den Einsatz
eines Hobbyathleten bringen zu müssen. Zwar nehmen sie sich oft
nicht einmal einen Profi als Vorbild, sondern einen Athleten, der
vielleicht „nur“ auf dem Niveau einer nationalen
Meisterschaft ist. Dennoch werden sie meist nach kurzer Zeit von
der Realität eingeholt. Komischerweise würde niemand auf die Idee
kommen, daß er nach 1-2 Jahren Training eine deutsche Meisterschaft
im 100m Lauf gewinnen oder über 7,50m springen könnte.
Bodybuilding ist nicht nur ein Sport, es ist eine
Lebenseinstellung. Wer dies nicht versteht und nur die 1-2 Stunden
im Studio sieht, die er 3x pro Woche zubringt und vielleicht gerade
noch hin und wieder einen Proteinshake trinkt, der sollte sich an
das Beispiel vom Anfang mit der Schule erinnern. Auch hier sind sie
nicht nach 1 Jahr soweit, daß Sie Abitur machen können. Hierfür
benötigen Sie viel länger. In der Zeit gibt es viele Hausaufgaben
die erledigt werden wollen. Sie müssen bereit sein zu lernen und
ihr Leben nach der Schule ausrichten. Wenn Sie die Nächte
durchmachen, dann können sie am nächsten Tag keine Leistung
bringen. Ihr Training ist die Schule, Ihre Hausaufgaben und das
Lernen sind die Ernährung, der Faktor Erholung ist bei beiden
gleich. Und noch etwas verbindet die Beispiele, die Disziplin. Nur
wenn Sie bereit sind tagein und tagaus diese aufzubringen und an
ihrem Ziel, ihrem Wunschkörper zu arbeiten, dann werden Sie auch
eine Chance bekommen, diesen eines Tages zu erreichen.
Eins habe ich im Laufe der Jahre gelernt: Auch mit schlechter
Genetik kann man weiter kommen, als man es sich selbst als Anfänger
je geträumt hat. Man muss nur bereit sein, dafür auch alles zu
geben.
Ihr Erik „BamBam“ Dreesen
Begleitbeitrag zum Artikel im Forum


