BamBam's View – Quo vadis, Bodybuilding?
„Igitt, das ist ja widerlich ! Wie kann man nur so
aussehen ? Ich möchte ja nicht wissen, was der alles an Doping
nimmt !“
So oder so ähnlich würde vermutlich der Kommentar lauten, wenn Sie
einem Durchschnittsbürger ein aktuelles Bodybuildingmagazin mit
Bildern von Profi-Bodybuildern zeigen. Bodybuilding ist eine
Sportart geworden, die dem normalen Menschen auf der Straße nicht
mehr vermittelbar ist und nur noch auf Unverständnis stößt. Zu
extrem sind die Ausmaße von Ronnie Coleman, Jay Cutler oder auch
Markus Rühl. Selbst bei ehemaligen Wettkämpfern aus den eigenen
Reihen gibt es nicht wenige, die beim Anblick der aktuellen
Spitzenathleten in den Tenor verfallen, dass sie zwar Respekt vor
der Leistung haben, dies aber für sie mit Bodybuilding nicht mehr
viel zu tun hat.
Aber halt, Moment einmal...
Natürlich ist für den „Normalo“ auf der Straße Ronnie
Coleman nicht zu vermitteln. Aber seien wir doch mal ehrlich, das
ist nicht erst seit Ronnie und den aktuellen Profi-Bodybuildern so.
Sie können Ihren Mitmenschen auch ein Bild von einem Deutschen
Amateurmeister zeigen und er wird genauso reagieren. Erst wenn Sie
beide Bilder nebeneinander halten wird vermutlich der Kommentar
kommen, „Naja, so geht das ja noch“, aber erst dann.
Das Spiel lässt sich sogar noch weiter treiben. Nehmen Sie einmal
ein Bild von Arnold von vor 30 Jahren und Sie werden ebenfalls
negative Reaktionen bekommen. Nur, Arnold würde heute nicht einmal
mehr eine Landesmeisterschaft gewinnen. Für einen Start bei den
Profis müsste er vermutlich gar 30kg mehr Muskelmasse auf die Waage
bringen und das bei deutlich verbesserter Form.
Was damit gesagt werden soll: Bodybuilding ist nicht erst seit
Ronnie und Co. extrem geworden. Für die breite Masse war es das
schon immer, egal ob vor 30 Jahren oder heute. Ich gehe sogar jede
Wette, dass zur Zeit eines Steve Reeves auch bereits solche
Kommentare wie oben gekommen sind. Bodybuilding ist kein Sport, der
massenkompatibel ist. Es ist eine Randsportart, bei der es nur eine
kurze Periode gab, in der es einen anderen Anschein hatte, die 80er
Jahre.
Damals erlebte Bodybuilding mit dem Aufkommen der Fitness-Bewegung
einen Boom wie nie zuvor in seiner Geschichte. In den Filmen im
Kino waren Rocky und Rambo die Kassenschlager und Schwarzenegger
kämpfte als Einzelkämpfer gegen Außerirdische im Dschungel. Muskeln
waren „in“ und jeder wollte welche haben. Man wollte so
aussehen, wie die Filmhelden, denen alle huldigten. Bei den
Durchschnittsmenschen wurde Bodybuilding als etwas Neues gesehen
und es war entsprechend angesagt. Ohne diesen Boom in den 80ern
wäre die Fitnesswelle, die danach auf uns zukam, überhaupt nicht
denkbar gewesen. Und nicht zuletzt war dieser Boom auch ganz fest
mit einer Person verknüpft: Arnold Schwarzenegger.
Man kann dies vielleicht mit dem starken Zulauf zum Tennis nach dem
ersten Sieg von Boris Becker in Wimbledon vergleichen oder auch dem
Run auf die Box-Schulen nach dem Weltmeistertitel von Henry Maske.
Gerade Boxen war für die meisten vorher doch eine Sportart, die
etwas von Unterwelt und Kiez hatte.
Spätestens vor 10 Jahren aber wandelte sich der Trend. Neue
Sportarten kamen auf, die den Geschmack der Massen trafen und ihn
auch veränderten. In den Fitness-Studios ging der Trend immer mehr
in Richtung Aerobic und Wellness, die Maschinen mussten in
allererster Linie modern und futuristisch aussehen. Sogar der
Computer hielt hier Einzug, nicht zuletzt durch irgendwelche
ominöse elektronische Muskeltrainer, die auf diversen
Homeshopping-Kanälen im TV angepriesen werden. Es begann das
Zeitalter der Funsportarten, wo zwar jeder einen Waschbrettbauch
wollte, aber keiner mehr etwas dafür tun. Diese Spaßgeneration warf
ein paar Pillen ein und war gut drauf. Genauso sollte es auch mit
den Muskeln funktionieren, bloß anstrengend sein oder lange dauern
sollte es nicht. In den Medien wandelte sich dann auch das Ideal zu
einem Brad Pitt oder Mark Wahlberg.
Das merkte man natürlich auch auf den Bodybuilding-Meisterschaften.
Wo nicht mehr so viele Menschen nach großen Muskeln streben, da
bleibt natürlich auch der Nachwuchs für die Meisterschaften aus.
Entsprechend versuchte man auch dort das Ausbluten der einzelnen
Klassen durch das Einführen diverser Fitness-Klassen zu stoppen. So
erreichte man zwar immer noch ähnliche Teilnehmerzahlen bei den
größeren Events, aber auch nur bei (je nach Verband) 1,5- bis mehr
als 2-mal so vielen Klassen. Schaute früher jeder
„echte“ Bodybuilder auf die Fitness-Klassen herab, so
sind diese heute bald genauso stark besetzt, wie die Body-Klassen.
In einigen Verbänden sogar stärker.
Der Bodybuilding-Sport hat sich gewandelt. Zwar steht immer noch
für den Einzelnen das Streben nach Muskelmasse im Vordergrund, aber
die Extrema scheiden heute die Geister. Das passt auch herein, dass
es eine neue Richtlinie für die Profi-Sektion der IFBB gibt, nach
der aufgeblähte Bäuche, die im Profizirkus immer verbreiteter
werden, bei der Bewertung negativ berücksichtigt werden sollen und
insgesamt wieder mehr die Proportionen Berücksichtigung finden
sollen. Nicht wenige erkennen darin den Versuch, sich vom Streben
nach immer mehr Masse abzuwenden und den Versuch, auch in der
höchsten Klasse des Bodybuilding eine Trendwende herbeizuführen,
die auch wieder massenkompatibler ist.
Nur, ist das wirklich der richtige Weg? Ich denke nicht. Wie
bereits geschrieben, Bodybuilding war auch früher schon nicht
vermittelbar, ob das nun daran liegt, dass eine Mehrheit beim
Anblick eines muskelbepackten, perfekt proportionierten und
definierten Körpers einfach Neid empfindet oder aber hierbei andere
Gründe im Vordergrund stehen. Ein Ronnie Coleman, der bei seinem
ersten Mr. Olympia in Helsinki 1992 (wo er nicht mal unter die
ersten 15 kam) 15kg weniger wog, würde auch heute nicht dem
Geschmack von Otto Normalverbraucher entsprechen. Deswegen sollte
man auch nicht versuchen, sich diesem anzubiedern, indem man seine
eigenen Prinzipien aufgibt.
Bodybuilding, besser Profi-Bodybuilding, das ist das Streben nach
maximaler Muskelmasse bei bestmöglicher Definition und hierzu
passenden Proportionen. Und nach diesen Kriterien ist Ronnie
Coleman schlicht der beste Bodybuilder der Welt. Er ist die
logische Fortführung einer Entwicklung, die über all die Jahre im
Bodybuilding voran schritt. Dieses zu limitieren, indem man anfängt
Masse negativ zu bewerten, wäre genauso, als wenn man Lance
Armstrong bei der Tour de France vorschreiben würde, wie schnell er
zu fahren hat.
Bodybuilding ist wieder dort, wo es mit einer Unterbrechung von 10
Jahren immer war. Es wird niemals olympisch werden, gerade weil es
eben nicht den Massengeschmack trifft, so wie einige Offizielle
immer noch träumen. Der Versuch, der Entwicklung Grenzen zu setzen
ist nichts weiter, als ein Verharren in der Vergangenheit, statt
sich den Herausforderungen der Zukunft zu stellen und sich daran zu
erfreuen, was in der Entwicklung des menschlichen Körpers alles
möglich ist. Die Nische, in der sich Bodybuilding befindet, ist
auch eine Chance die Identität des Sports zu wahren. Wer sich der
Masse anpasst, der verliert aber diese Identität und wird
austauschbar. Genau das wollen Bodybuilder aber doch nicht sein, so
wie alle anderen.
Wer Profibodybuilding sehen will, der will Freaks sehen und Ronnie
Coleman sollte solange der größte Freak auf diesem Erdball sein,
bis ein anderer kommt, der noch massiger ist und dabei noch härter
und symmetrischer. Solange es aber so einen nicht gibt, sollte man
nicht von außen eingreifen und Kriterien, die sich natürlich
entwickelt haben, in andere Bahnen lenken, nur um wieder in
Richtung eines Massengeschmacks zu gehen, den Bodybuilding sowieso
nie getroffen hat.
Wenn man versuchen will, diesen zu treffen, dann sollte man, wie
bei den Amateuren, eine Body-Fitness-Klasse einführen, aber nicht
eine Grenze wie weit ein Bodybuilder seinen Körper entwickeln darf.
Profi-Bodybuilding sollte das derzeit maximal Machbare zeigen.
Irgendwann wird eine Grenze kommen, die nicht mehr überschritten
werden kann. Ähnlich wie es im 100m-Sprint die 9-Sekunden-Grenze
darstellt. Aber solange dies noch nicht der Fall ist, sollte danach
gestrebt werden.
Wenn das bedeutet, dass der Mr. Olympia 2020 135 kg bei 175cm Größe
wiegen wird, dann zeigt es nur, dass das maximal Mögliche heute
noch nicht ausgereizt ist.
Ich weiß nicht wie es Ihnen geht, aber ich freu mich drauf...
Ihr Erik „BamBam“ Dreesen


