1990-1992 - Es geht aufwärts
Im Herbst 1990 war es dann endlich soweit – ich startete in die Unabhängigkeit. Meine Studentenbude hatte ich bezogen, ein kleines Zimmer von 12qm mit Dusche und WC auf dem Gang, meinen Vertrag im Studio unterschrieben und die große, weite Welt wartete auf mich. Zumindest fühlte ich mich so, als ich aus meiner Heimat in das knapp 700km entfernte Erlangen startete, das Auto voll gepackt mit meinen Habseligkeiten, eingeschlossen Mixer, Kühlschrank und Mikrowelle, die beide in den nächsten Jahren meine treuesten Begleiter wurden. Die Küche im Studentenwohnheim war nämlich 2 Stockwerke höher und zudem quer über den Dachboden gelegen, weshalb ich mich entschloss, Nudeln und Reis, ja sogar Putenfleisch fast nur noch in der Mikrowelle zuzubereiten, sofern ich nicht gleich kalt aß. Aber ich will nicht abschweifen...
Am Nachmittag, direkt nach meiner Ankunft, füllte ich gleich den Kühlschrank mit Lebensmitteln auf. Die wollten nun natürlich möglichst schnell in Muskelmasse umgewandelt werden. Also führte mich am Abend mein zweiter Weg nach dem Supermarkt direkt in mein neues Studio. Ich fühlte mich vermutlich so, wie Arnold sich in den späten 60ern bei seinem ersten Besuch im Gold’s Gym gefühlt haben dürfte. Es wurde geschwitzt, geackert und ich hatte dort alle Gerätschaften zur Auswahl, von denen ich in meinem Heimatstudio nur träumen konnte, einschließlich Kurzhanteln bis 70kg.
Natürlich trainierten beim Schardt nicht nur Wettkämpfer, eher im Gegenteil. Die meisten Leute dort waren sicher der Fitness-Fraktion zu zuordnen, aber wenn ich mich ganz nüchtern betrachtete, dann sah ich eigentlich auch nicht anders aus. Das sollte jedoch nach meinem festen Willen nicht so bleiben und für dieses Ziel gab es dort mehr als genug Motivation. Mit meinen Ambitionen hielt ich allerdings im Gespräch erst einmal hinter dem Berg, ich wollte mich schließlich nicht lächerlich machen. Wer sollte schon eine Wurst wie mich ernst nehmen, wenn daneben die richtig dicken Jungs trainierten? Also, Klappe halten, Eisen schwingen und nicht aufgeben, hieß mein Motto.
Wo ich gerade dabei bin, in den späten 80er bzw. frühen 90er Jahren gab es einen, in meinen Augen ganz entscheidenden Unterschied zu den heutigen Studios – selbst die Fitnessleute trainierten eher ambitioniert und zielorientiert. Oder mit anderen Worten, damals wurde selbst in dieser Gruppe noch wirklich geackert im Gym. Nicht wie heute, wo man das Gefühl hat, dass eher das gegenseitige sehen und gesehen werden und der kleine Smalltalk im Vordergrund stehen.
Also gab auch ich ordentlich Gas im Training und trainierte meinen Stiefel, den ich schon die Zeit in der Provinz über ausgeführt hatte. Wenn ich Hilfe brauchte, dann holte ich mir einen der anderen im Studio herbei und schon bald merkten einige, daß ich einen ziemlichen Ehrgeiz drauf hatte und vorwärts kommen wollte.
Es war die Zeit der Experimente für mich. Zum einen hatte ich nun endlich all das Equipment im Studio zur Verfügung, von dem ich daheim nur träumen konnte, zum anderen kam ich nun auch endlich mit Leuten in Kontakt, die Ahnung von der Materie hatten und mir so manchen guten Tipp geben konnten. Natürlich kaufte ich nach wie vor jeden Monat die erhältlichen Bodybuilding-Magazine, die „Sportrevue“ und die „Sport&Fitness“, aber die Gespräche mit den erfahrenen Athleten im Studio halfen mir langsam, die sinnvollen Informationen darin vom Geschwafel irgendwelcher Pseudo-Gurus aus Übersee oder Werbestrategen der neuesten Supplements zu unterscheiden. Das war recht interessant, denn hatte ich in meiner alten Heimat überwiegend darauf geachtet, möglichst viel zu essen und meine Nahrung zu nicht geringen Teilen aus Kohlenhydraten bestehen zu lassen, so lernte ich nun erstmals, daß auch eine gut geplante Proteinzufuhr eine wichtige Rolle spielt und diese nicht nur aus einem gelegentlichen Putenschnitzel und Proteinshake besteht. In der Folgezeit spielte ich mit beiden Faktoren herum, wobei ich allerdings den typischen Fehler dieser Zeit machte, daß ich das Nahrungsfett praktisch vollkommen aus meiner Ernährung eliminierte. Aber das war halt in dieser Zeit Stand des Wissens und so sah ich Fett, wie jeder andere, als Feind. Wie sich die Zeiten doch ändern.
Im darauf folgenden Frühjahr 1991 hatte ich mich mittlerweile bis auf ein Höchstgewicht von 105kg (genau war das am 18.3.1991) gesteigert. Gut, es war sicher nicht alles Muskelmasse, da war auch eine gute Portion Speck dabei, aber 33kg in 2 Jahren, das war der absolute Hammer und ich begann langsam nicht nur zu träumen, daß ich mein Ziel irgendwann erreichen würde, nein, ich merkte, daß ich wirklich auch ein gewisses Talent hatte. Von einem hatte man mich allerdings mittlerweile überzeugen können und das betraf mein Trainingspensum. Hatte ich in Aurich teilweise 6-7 Einheiten in der Woche absolviert mit meinem 3er-Split, so war ich nun zu lediglich 5 Trainingstagen übergegangen. Dafür war mein Satzpensum pro Trainingseinheit nahezu unverändert hoch.
Hier einmal die Aufteilung vom Frühjahr 1991:
Tag 1: 15 Sätze Brust, 20 Sätze Rücken, 3 Sätze Nacken
Tag 2: 17 Sätze Schulter, 10 Sätze Bizeps, 13 Sätze Trizeps
Tag 3: 15 Sätze Vordere Oberschenkel, 7 Sätze hintere Oberschenkel, 10 Sätze Waden
Wohlgemerkt, das waren alles Sätze bis zum Muskelversagen, bei manchen arbeitete ich sogar noch mit Hilfestellung durch einen Partner, dazu kamen vor der ersten Übung der jeweiligen Muskelgruppe 3 Aufwärmsätze und bei einigen der Folgeübungen nochmals ein leichter Satz zum eingewöhnen. Ein Wahnsinnspensum aus heutiger Sicht, auch wenn ich schon einen Trainingstag gestrichen hatte. Aber ich zog es durch und dachte nicht lange darüber nach. Vielleicht konnte ich nur deshalb so ein hohes Pensum gehen, weil ich unterbewusst die gleichen Probleme hatte, die ich auch heute noch immer wieder bei vielen Anfängern und leicht Fortgeschrittenen feststelle. Zum einen hatte ich gar nicht 100% das Gefühl für die Zielmuskulatur, so daß ich einfach nur probierte immer mehr Gewicht bewältigen zu können, aber gar nicht so sehr auf die Qualität der Kontraktionen achtete, zum anderen war ich mental gar nicht in der Lage, so eine hohe Trainingsintensität zu entwickeln, daß ich wirklich nach weniger Sätzen erschöpft war. Oder, mit anderen Worten, ich konnte zwar das Gewicht nicht mehr bewegen, aber eigentlich war der Muskel nicht so platt, wie er es z.B. heute bei mir nach einem Satz ist. Beide Punkte hingen natürlich irgendwo zusammen und unbewusst kompensierte ich das mit einem sehr hohen Trainingspensum. Übrigens muss ich vielleicht auch deswegen heute immer etwas den Kopf schütteln, wenn ich von Anfängern immer das Wort Übertraining höre. Klar, ich war nach heutiger Definition damals weit hinaus über das, was derzeit allgemein als Übertrainingspensum gesehen wird. Aber ich bin ganz sicher, daß ich mit meinem damaligen Körpergefühl und Trainingsstand mit einem niedrigeren Pensum nicht besser gewachsen wäre, im Gegenteil. Falls sich jemand wundert, wieso ich noch die genauen Satzzahlen von damals weiß, ich habe immer schon Buch über mein Training geführt und habe diese Tagebücher auch heute noch im Schrank. Ich könnte sogar jede einzelne Übung mit Wiederholungszahlen und Trainingsgewichten benennen, wenn es denn sein müsste.
Egal, das ist lange her. Wer das letzte Kapitel der Biographie gelesen hat, der kann sich vielleicht noch daran erinnern, daß da irgendwas war, das mir überhaupt erst das Studium in Erlangen zu diesem Zeitpunkt ermöglicht hatte. Genau, die Geschichte mit dem Überbiss.
Ich war zwar für das Studium zurückgestellt worden, aber nur unter der Maßgabe, daß ich meine Fehlstellung beseitigen lassen würde. Also ging ich Anfang 1991 in Erlangen in die Universitätsklinik und ließ mir dort eine Diagnose erstellen, wie das ganze behoben werden könnte. Ein Kieferorthopäde in Aurich hatte damals gemeint, ich müsse erst mindestens ein Jahr eine Zahnspange tragen, danach eine Operation hinter mich bringen und dann erneut mit einer Zahnspange das Ergebnis bearbeiten. Damit war ich natürlich nicht zufrieden, weshalb ich von der Uni-Klinik Erlangen ein anderes Ergebnis erwartete, schließlich waren sie für ihre gute Zahnmedizin damals sehr bekannt. Aber auch hier kam man auf die gleiche Diagnose. Aber man bot mir auch noch eine andere Alternative, die man bis dato zwar noch nicht probiert hatte, die aber ein Jahr Zeit sparen würde bei einem voraussichtlich nur unwesentlich schlechteren Ergebnis. Erst sollte eine OP gemacht werden, danach eine feste Spange und nach ca. 1 Jahr, so versprach man mir, sei der Spaß vorbei. Na, das hörte sich doch schon besser an. Also machte ich einen Termin für die Operation und harrte der Dinge die da kommen sollten. Eine ziemliche Tortur, wie sich herausstellte.
Mitte März 1991 war es soweit. Zum einen hatte ich obiges Höchstgewicht von 105kg erreicht, zum anderen wurde ich in die Klinik aufgenommen und hatte einen Tag später meine OP. Der Unterkiefer wurde zweimal gebrochen, mit Metallplatten nach vorne geholt, das Kinn vorne abgeschnitten und an der Unterseite neu angesetzt und die unteren Schneidezähne aus dem Kiefer herausgesägt, unten ein Teil vom Knochen weggenommen und das ganze neu eingesetzt. Anschließend wurde mein Mund komplett verdrahtet und zugemacht. Man kann sich vorstellen, wie alles am nächsten Tag geschwollen war. Ich hatte keinen Hals mehr. Das, was mal Nacken und Hals gewesen waren, ging nun von den Ohrläppchen bis zur Schulter. Der Rest war ein einziger Bluterguss, der in der Folgezeit sämtliche Verfärbungen annahm und bis zum Bauchnabel herunterlief.
Aber das „beste“ war die Ernährung. Eine Woche bekam ich nur flüssigen Pudding und Brühe mit der Schnabeltasse, welche ich irgendwie durch die Zähne saugte. Der Mund ging ja nicht auf. Nach dieser Woche wurde zumindest der Kiefer ein klein wenig geöffnet, so daß ich Pürree essen konnte. Also wurde alles püriert: Erbsen, Möhren, Kartoffeln, Fleisch, eben alles. Mit anderen Worten, ich bekam Brei, Brei und nochmals Brei. Grob geschätzt kam ich nicht einmal auf 1000Kcal täglich gegenüber vorher ca. 3500Kcal. Dazu kam der Abwehrkampf des Körpers gegen die Verletzung, was für sich bereits katabol genug war. Das Ergebnis war, daß ich in 2 Wochen Klinikaufenthalt 9kg abnahm. Das war praktisch alles, was ich mir in fast einem Jahr vorher antrainiert hatte. Sowas nennt man wohl einen Rückschlag.
Nach 2 Wochen wurde ich aus der Klinik entlassen. Der Kiefer wurde aufgemacht und ich konnte zumindest wieder den Mund öffnen. Zwar nur leicht, aber welch ein Fortschritt. Beim Essen wurde mir mit auf den Weg gegeben, daß ich in den nächsten Wochen nur Pürrees oder sehr weiche Sachen essen sollte, die ich mit der Zunge zerdrücken konnte. Na wenigstens hatte ich daheim meinen Krups „Starmix“, der würde mich schon über die Runden helfen.
Also konnte ich anfangen, mein Gewicht zurückzuholen. Zwar hatte ich mit auf den Weg bekommen, daß ich jeglichen Druck auf den Kiefer vermeiden sollte, aber das sollte mich vom Training nicht abhalten. Ich besorgte mir im Kampfsportbedarf einfach einen Beißschutz und schon am Tag meiner Entlassung war ich wieder im Studio anzutreffen. Scheiß drauf, von so einer „Lappalie“ wollte ich mich nicht unterkriegen lassen. Ich wollte einfach wieder so hart trainieren wie möglich und binnen kürzester Zeit mein altes Kampfgewicht erneut erreichen.
Aber ich hatte noch eine weitere Motivationshilfe: Ich sah meinen ersten qualitativ guten Wettkampf und hatte sogar Gelegenheit, meinen ersten Profi kennenzulernen, ja sogar ein „Seminar“ bei ihm zu besuchen.
In den frühen 90er Jahren gab es in Deutschland noch viele kleine und mittlere Meisterschaften neben der Deutschen und den jeweiligen Qualifikationen auf Landesebene. Man mag es heute kaum glauben, aber in manchen Bundesländern musste man sich sogar für die Qualis erst noch qualifizieren. Es war damals keine Seltenheit, daß eine Klasse mehr als 15 Teilnehmer hatte und sogar schon auf niedrigerer Ebene Eliminationsrunden durchgeführt werden mussten. Der Wettkampfkalender pro Saison hatte denn auch durchaus 20 Meisterschaften, etwas, wovon man heute nur träumen kann.
So veranstaltete auch mein Studio, das Fitness-Center Schardt, eine solche Meisterschaft, die im Frühjahr echtes Renommée besaß, den "Internationalen großen Preis von Erlangen". Zu dieser Meisterschaft kamen auch Teilnehmer aus dem Ausland und es wurden hochkarätige Gaststars eingeladen. So war es auch im Frühjahr 1991. Gesamtsieger bei den Junioren wurde damals Jenö Kiss, ein Ungar, der kurz darauf auch Junioren-Weltmeister wurde und einige Jahre später die Männer-WM als Gesamtsieger für sich entscheiden konnte. Aus unserem Studio startete in diesem Jahr Wolfgang Heidecke, der auf der späteren Deutschen den Titel im Leichtgewicht erringen konnte, sowie Jürgen Kränzlein, den ich schon im letzten Kapitel erwähnt hatte.
Für mich war es ein echtes Erlebnis. So viele Bodybuilder auf der Bühne hatte ich noch nie gesehen und bis auf wenige Ausnahmen war da eigentlich kein echter Ausfall dabei. Kein Vergleich zu meiner Provinzmeisterschaft des BDB vom Jahr vorher. Ich verknipste damals drei volle 36er-Filme, alleine zwei bei der Vorwahl, wo ich in der 2. Reihe saß. Für mich war es eine echte Offenbarung.
Am Abend war es noch besser, dann kamen auch die Gaststars, allen voran Nimrod King, der damals als neues Masse-Wunder gefeiert wurde, sowie Marie Mahabir, ein dunkelhäutige Profi-Bodybuilderin aus Frankreich. In der Woche darauf gab Nimrod auch ein Seminar in unserem Studio und ich sog jedes Wort förmlich auf. Als er am Ende nochmals seine Posingkür zeigte, da konnte ich es kaum erwarten, wieder ans Eisen zu kommen, um endlich meinem Ziel, dem ersten Wettkampf näher zu kommen.
Im kommenden Jahr war es dann auch soweit. Allerdings wurde ich auch bitter auf den Boden der Realität zurückgeholt.



