1990 - Der erste Kontakt zum Wettkampfbodybuilding
Eins vorweg: Leider habe ich für diesen Abschnitt keine
brauchbaren Bilder. Entweder sie sind unscharf oder einfach zu
klein. Evtl. hat ja ein Leser welche von den genannten Personen
oder Wettkämpfen? Dann würde ich mich über eine Zusendung
freuen...
Das Jahr 1990 war für mich in mancherlei Hinsicht ein besonderes
Jahr und prägend für mein Leben bis heute. Ich machte mein Abitur,
hatte danach einige Monate Zeit um in Ruhe zu überlegen, wie es
weitergehen sollte, sah meinen ersten Bodybuilding-Wettkampf, zog
von daheim aus ins ferne Bayern und kam in das erste
„richtige“ Bodybuildingstudio. Kurz gesagt,
Bodybuilding wurde zu meinem Lebensmittelpunkt, was sich in der
Zukunft nicht immer als positiv herausstellen sollte.
Dass Abitur mag für viele eine echte Herausforderung sein, auf die
sie sich lange vorbereiten müssen, aber mir persönlich fiel es
ziemlich leicht. Zwar ließen in den letzten Monaten durch das für
mich immer wichtigere Training die Leistungen etwas nach, aber mein
Schnitt war am Ende immer noch so gut, daß ich jeden Numerus
Clausus geschafft hätte, auch ohne dafür zu lernen. Irgendwie kam
mir in der Schule immer meine schnelle Auffassungsgabe
entgegen.
Normalerweise hätte ich nach dem Abi eigentlich zur Bundeswehr
eingezogen werden sollen. Nun hatte ich aber seit Jahren einen
optischen Mangel, der mich zwar als Kind nicht sonderlich gestört
hatte, aber mittlerweile in meinen Augen zu einem echten Handicap
geworden war: Ich hatte einen Überbiss, da ich als Kind meine
Zahnspange nicht getragen hatte. Dieser war im Laufe der Zeit immer
größer geworden, bis ich mit 19 einen Finger zwischen obere und
untere Schneidezähne legen konnte. Das kann zwar als Regenschutz
recht praktisch sein, sieht aber unter ästhetischen Gesichtspunkten
natürlich ziemlich bescheiden aus. Besonders für einen jungen Mann
in einem Alter, in dem man auch gerne mal mit dem anderen
Geschlecht turtelt und zudem als Bodybuilder mit seinem Körper nach
Perfektion strebt.
Diesen Fehlbiss wollte ich nun gerne während meiner Bundeswehrzeit
korrigieren lassen unter dem Motto: „Sieht mich ja sowieso
kein Bekannter, wenn ich da mit Schneeketten rumrenne!“ Tja,
leider hatte ich die Rechnung ohne Vater Staat gemacht, der sich
schlicht weigerte die Kosten zu übernehmen und lediglich anbot,
mich für die Dauer der Behandlung zurückzustellen, wenn bis zum
Zeitpunkt des Einberufungsbescheids damit begonnen worden
wäre.
„Auch keine schlechte Alternative“, dachte ich mir,
ließ mir flugs 2 Weisheitszähne ziehen, die dafür laut Aussage
meines Zahnarztes ohnehin raus mussten und bemühte mich
gleichzeitig um einen Studienplatz, um die Zeit sinnvoll zu nutzen.
Außerdem hatte ich die Hoffnung, daß ich durch das Studium
irgendwie um den Wehrdienst herumkommen könnte. Man sollte
erwähnen, daß just zu dieser Zeit die Wehrdienstzeit gerade auf 18
Monate angehoben worden war, also praktisch doppelt so lang war wie
heute.
Einen Studienplatz bekam ich dann auch kurz darauf - im schönen
Erlangen, welches ich durch eine Klassenfahrt ein paar Jahre vorher
schon kannte und welches mir als DIE Radfahrerstadt Deutschlands im
Gedächtnis haften geblieben war. Kurzum, ein Umzug stand an.
Ich weiß, ich bin ein wenig abgeschweift, aber das Leben dreht sich
ja nicht nur um Bodybuilding und der Umzug sollte sich kurz darauf
für mich als bodybuildingtechnischer Glücksfall erweisen. Bayern
war nämlich in den späten 80ern und frühen 90ern die
Bodybuilding-Hochburg in Deutschland. Praktisch alle Gesamtsieger
kamen aus Bayern, bzw. im Jahr 1993 sogar von 10 Deutschen Meistern
insgesamt alleine 7. Als Noob aus der Provinz war mir das aber
natürlich nicht bekannt.
Bislang war aber gerade erst spätes Frühjahr, mein Abi war
Geschichte und ich widmete meine gesamte Zeit dem Training. Wie
bereits geschrieben, bis zu 7 Tage pro Woche, bis der Muskel um
Gnade flehte. Dies umso mehr, als ich im Frühjahr meine erste
kleine Meisterschaft gesehen hatte, eine Regionalmeisterschaft des
damaligen BDB (Bund Deutscher Bodybuilder, damals neben der IFBB
der wichtigste Verband in Deutschland). Ich kann mich an keinen
Namen der Starter mehr erinnern und es waren auch nicht sonderlich
viele. Aber ich hatte noch nie einen Wettkampf gesehen und war
einfach nur fasziniert.
Im Nachhinein muss ich natürlich sagen, daß die damals gebotenen
Leistungen selbst aus damaliger Sicht nicht unbedingt überragend
waren, aber alleine die Symbiose aus Kürposing mit entsprechender
Musik, die Vergleiche der einzelnen Athleten untereinander, die
Anfeuerungen aus dem Publikum und dazu noch Muskelkörper, die
wirklich mal in (für mich damals) perfekter Definition waren, war
für mich einfach überwältigend gewesen. DAS war also
Wettkampfbodybuilding? Geil!
In diesem Moment wusste ich, daß ich irgendwann auch da oben stehen
würde, nein, ich fühlte bereits wie es war, da oben zur Musik zu
posen. Noch heute kriege ich eine Gänsehaut und muss daran
zurückdenken, wenn eins der zwei damals vorherrschenden
Posinglieder im Radio läuft: „Who wants to live
forever“ von Queen oder „Music was my first love“
von John Miles.
Am nächsten Tag ging ich ins Studio, visualisierte bei jedem Satz,
wie die Wettkämpfer vom Vortag ausgesehen hatten und absolvierte
wohl die härteste Einheit meines Lebens. Ich hatte meine Bestimmung
gefunden und war bereit, meinen Körper so sehr zu quälen, bis ich
irgendwann selbst soweit war, auf einer Bühne zu stehen. So ging
das Woche für Woche, Tag für Tag, bis sich der Sommer dem Ende
zuneigt und mein Studienbeginn nahte.
Mitte August fuhr ich deshalb schon einmal für einige Tage nach
Erlangen, um mir vorab ein Zimmer zu organisieren. Ich wollte
schließlich nicht die ersten Studientage im Auto verbringen. Was
mir aber noch wichtiger war: Ich wollte mir ein geeignetes Studio
suchen. Also quartierte ich mich für eine Woche in der
Jugendherberge ein, klapperte tagsüber Zimmervermittlungen und sah
mir Studentenbuden an. Aber bereits am ersten Abend hatte ich mir
aus den gelben Seiten ein Studio rausgesucht und machte ein
Probetraining.
Die Örtlichkeit nannte sich „City-Fitness“ (gibt es
übrigens heute noch) und war etwa 3x so groß wie mein altes
Pumperstudio in der Heimat. Großer Aerobicbereich, viele
geschminkte Tussis, die lieber nicht schwitzen wollten, eine eher
mittelmäßig ausgerüstete Hantelecke und ein Kniebeugenständer, an
dem ich den ganzen Abend alleine war und der fast schon Spinnweben
hatte. Irgendwie hatte ich mir das anders vorgestellt.
Motivatonsfaktor: Nullkommanull!
Gut, nächsten Abend der nächste Versuch: „Body-Center
Schardt“. Alleine der Titel mit „Body“ gefiel mir
schon gut. Das Studio selbst lag in einem Gewölbekeller, was mir
auch irgendwie urig vorkam. Ich kam also die Treppe runter und
wollte an der Theke meinen Spruch vom Probetraining bringen.
Weiter als bis zum Mundaufmachen kam ich aber nicht, denn mir fiel
erst einmal die Kinnlade runter. Dort stand Helmut, Helmut Schardt
um genau zu sein! Und ich übertreibe nicht, wenn ich sage, daß
Helmut zu diesem Zeitpunkt den größten Arm hatte, den ich je
gesehen hatte. Ein Hüne von einem Kerl, 192cm groß, über 130kg
schwer und mit einer Keule, die etwa 52-53cm Umfang gehabt haben
dürfte. Dazu riesige Hände, wenn er die einem vors Gesicht hielt,
dann wurde es dunkel. Helmut wurde nicht umsonst in dieser Zeit 2x
Weltmeister im Armdrücken. Mit anderen Worten, ich war sprachlos
und wusste sofort, daß ich dort richtig war.
Ich erklärte also mein Ansinnen, ging in die Umkleide, kam wieder
raus und der nächste Schock kam. Da stand ein Typ, der war etwa in
meinem Alter. Aber... DER HATTE MUSKELN!!!!!! Ich hatte gerade
Jürgen Kränzlein zu Gesicht bekommen. Der hatte gerade im Frühjahr
seine ersten Wettkämpfe hinter sich gebracht und war in der
Aufbauphase für die Saison 1991 (wo er am Ende Vize-Deutscher
Meister in der Junioren II bis 80kg wurde). Jürgen war ein echter
Ästhet, runde Bizeps, volle Beine und konnte sich bewegen zur
Musik, der Wahnsinn. An dem Abend hatte er eine der zur damaligen
Zeit unter Pumpen besonders beliebten, hautengen gestreifen
Leggings an, die die Oberschenkel noch einmal massiver erscheinen
ließen und machte Beintraining. Ich hatte noch nie so dicke
Oberschenkel gesehen.
Da stand ich, wog gerade mal über 90kg, womit ich in der Provinz
gar nicht mal so schlecht gewesen war und kam mir wieder vor wie
ein kleiner grüner Junge, der lieber erstmal im Sandkasten spielen
gehen sollte. Natürlich waren die beiden nicht alleine, dort gab es
noch mehr gute Wettkämpfer. Wie ich später merkte, war das Studio
in dieser Zeit die Bodybuilding-Hochburg in Nordbayern und bis
heute sind doch etliche deutsche Meister oder Finalisten aus diesem
Studio gekommen. Dora und Helmut als Besitzer sind übrigens heute
immer noch im Verband aktiv und richten jeden Herbst die bayerische
Meisterschaft aus, auch wenn Helmut selbst keine Meisterschaften
mehr bestreitet.
In den Tagen darauf hatte ich auch endlich ein Zimmer in Erlangen
gefunden und fuhr deshalb wieder nach Hause, um die letzten
Vorbereitungen für meinen Umzug zu treffen. Ich konnte kaum noch
erwarten von Zuhause weg zu kommen. Das sollte man natürlich nicht
falsch verstehen, ich liebe meine Heimat, aber ich hatte innerhalb
weniger Tage erkannt, daß ich dort in sportlicher Hinsicht nichts
werden konnte. Es war eben hinsichtlich Bodybuilding Provinz.
Das Abenteuer Wettkampfbodybuilding hatte begonnen...


