1989-1990 - Orientierungsphase
Wenn ich heute manchmal sehe, wie viele Gedanken sich Anfänger
darüber machen, dass sie im Training ja keine Fehler begehen, dann
frage ich mich manchmal, wie aus mir überhaupt etwas werden konnte.
Damals, in den späten 80ern, wurde in den Studios weniger
nachgedacht, sondern einfach nur trainiert. Satz um Satz,
Trainingseinheit um Trainingseinheit, Woche um Woche.
Man muss sich das so vorstellen:
Ich komme gebürtig aus einer Kleinstadt (andere mögen es Kaff
nennen) im äußersten Nordwesten der Republik. 35000 Einwohner,
geprägt durch Landwirtschaft, mittlerweile auch Urlaubsregion. Die
einzige nennenswerte Industrie in der Gegend ist ein VW-Werk.
In den 80ern und frühen 90ern gab es noch kein Internet und das
Wissen im Bodybuilding-Sport fußte zu großen Teilen auf den
Artikeln in den Fitness-Blättchen, die eher schlecht als recht aus
den amerikanischen Magazinen übersetzt waren. Die einzigen anderen
Informationsquellen waren „Das große Bodybuilding-Buch“
von Arnie und gelegentlich mal das (schlecht kopierte) Video eines
damaligen Profis.
Das Ergebnis waren unsinnige Auswüchse wie täglich 1 Stunde
Bauchtraining, um das Sixpack zum Vorschein zu bringen oder
Schocksätze, wo in einer Einheit auch mal 30 Sätze Kniebeugen
gemacht wurden. Wenn man etwas für seine Ernährung tun wollte, dann
trank man einen Weight-Gainer oder nahm ein Proteinpulver. Moderne
Trainingsgestaltung oder gar Periodisierung kannte keiner. Das
Maximum war das Aufteilen des Körpers in Splitprogramme.
So trainierte auch ich 6 Tage pro Woche, bekam als
blutiger Anfänger bereits einen 3er-Split und haute täglich 2
Stunden oder mehr richtig rein. Jeder(!) Satz bis zum
Muskelversagen, anschließend noch mit Hilfestellung vom
Trainingspartner ein paar erzwungene Wiederholungen, erst wenn es
richtig wehtat wurde aufgehört. Und als das Studio später auch
anfing am Sonntag zu öffnen, da gab es sogar 7 Trainingstage.
Aus heutiger Sicht war das natürlich viel zu viel und irgendwann
kam auch der damals beste Athlet im Studio auf mich zu und meinte,
dass wir mal etwas langsamer tun sollten. Aber wir lachten ihn nur
aus und klotzen weiter ran, wie die Bekloppten. An einen
Trainingspartner kann ich mich noch besonders erinnern: Theo. Theo
war ein Bauer par excellence. Riesen Hände, blond, Typ
Naturbursche. Irgendwann kam er ins Studio und meinte in reinstem
Plattdeutsch: „Ik heb kien Bock up de lütjen Schieven,
vandaag nem ik mol de groden“. Oder auf Hochdeutsch:
„Ich hab keinen Bock auf die kleinen Scheiben, heute nehm ich
mal die großen“. Sprachs, legte ohne sich aufzuwärmen 60kg
auf die Langhantel und fing an abgefälschte Bizepscurls zu machen,
die er sonst noch nie mit diesem Gewicht geschafft hatte. Einfach
so. Wat mutt, dat mutt!
Ein anderer kam völlig fertig nach einer Einheit von 90 Minuten aus
dem Trainingsraum, worauf der Studioinhaber meinte: „So wird
das aber nix, 2 Stunden müssen schon sein.“ Also wurde er
aufs Fahrrad gesetzt und durfte das Crosstraining-Programm noch 45
Minuten auf höchster Intensität absolvieren. Alles Jammern half
nichts, wer Muskeln wollte, der musste leiden.
Aber was soll man sagen, es funktionierte.
Ich habe nie wieder ein Studio erlebt, in dem so eine Stimmung war
und so viele Leute, die auch nach was aussahen. Kein Wettkämpfer,
einfach nur starke Kerle, die hart trainierten und beim Essen
richtig reinhauten. Schickimicki und leichtes Training gab es im
abgetrennten Frauenstudio, das in der Halle nebenan war. Bei uns
wurde schweres Gewicht bewegt, geschwitzt und geackert.
Und wenn im Studio mal wieder eine Feier war, dann floss das Bier
in Strömen und am Ende wurde ein Bankdrückwettbewerb abgehalten.
Übrigens der erste „Wettkampf“, den ich (in der
„Nachwuchsklasse“) gewonnen hatte, nachdem ich mit 50kg
um die 30-40 Wiederholungen geschafft hatte. Nach 9 Monaten
Training keine schlechte Leistung. Ich denke, das Bier half mit,
hehe. Die Trophäe, eine Schmuckhantel, steht jedenfalls noch heute
zentral in einer Vitrine.
Um hier keine falschen Schlüsse aufkommen zu lassen, Feiern wie
diese waren sicher nicht täglich angesagt aber sie gehörten dazu.
Trotzdem merkte ich recht schnell, dass man mir bei meinem Streben
nach immer mehr Muskelmasse im Studio nicht wirklich weiterhelfen
konnte, entsprechend verschlang ich alles an Material, was
irgendwie mit Training und Ernährung zu tun hatte. Jedes
Bodybuilding-Buch las ich von vorne bis hinten durch, schaute die
Trainingsvideos der damaligen Profis und studierte die
„Sportrevue“, sowie „Sport und Fitness“, wo
einen Ronald Matz, einer der deutschen Top-Stars der 80er Jahre,
von jedem zweiten Titelbild oder Inserat anlachte.
Ich erkannte schnell, dass für einen Erfolg im
Bodybuilding nicht nur das Training wichtig ist, sondern vielleicht
die alles entscheidende Rolle die Ernährung spielt. Meine Eltern,
die schon gewohnt waren, daß ich mittags zwar mit am Tisch saß,
mich aber durch meine früheren Diäten von andere Sachen als sie
ernährte, mussten sich in der Folgezeit an neue Eindrücke gewöhnen.
200g Haferflocken, dazu ½ Liter Milch, in den 3 Bananen gemixt
wurden. Endlose Reisorgien mit Putenbrust. Oder Vollkornbrot,
Vollkornbrot und noch mal... Ja, genau: Vollkornbrot. (Wenn es
einen interessiert, das Schwarzbrot von Bäcker Lorenz in Aurich ist
wirklich lecker, bzw. zumindest war es damals so.)
Ich schaute nicht darauf, wieviel ich aß. Hauptsache es waren große
Mengen und mein Gewicht stieg. Dazu kaufte ich Proteinpulver. Das
Mittel der Wahl nannte sich „B6 Aufbaukonzentrat“ und
war ein völlig überteuertes und zudem qualitativ ziemlich
schlechtes Milcheiweiß, welches ein wenig mit Vitamin B6
angereichert wurde. 1kg kostete um die 45 DM. Wenn ich mal etwas
mehr Geld hatte, dann legte ich es noch in flüssige Aminosäuren an:
„Aminobolan“, die angeblich fruchtigen Orangengeschmack
haben sollten, aber einfach nur zum Kübeln waren und an deren
scharfer Abbruchkante man sich leicht mal die Lippen aufschnitt.
Aber es ging aufwärts, das Gewicht stieg und meine T-Shirts fingen
an immer enger zu werden. Ich fands natürlich klasse, wenn ich in
Shirts, die zwei Nummern zu klein waren durch die Gegend lief und
meine vermeintlich dicken Arme präsentieren konnte. Aber was sollte
es, in der Schule war ich eh der Freak und meine Sportlehrerin,
eine frustrierte ledige End-Vierzigerin hasste mich, weil
Bodybuilding ja kein Sport war, ich sie aber ständig mit Gesprächen
nervte, wie produktiv doch Krafttraining sei. Naja, die 7 Punkte in
Volleyball konnte ich verschmerzen. Musste ich ja nicht ins Abi
einbringen.
Aus heutiger Sicht hätte ich natürlich damals
vieles anders gemacht, gerade was das Training und die Ernährung
angeht, aber mit meinem grenzenlosen Ehrgeiz und der zugehörigen
Disziplin machte ich das mehr als wett.
Die Ergebnisse konnten sich denn letztlich (wohl eher trotz meiner
Fehler) sehen lassen. Beugte ich zu Beginn im Frühjahr 1989 gerade
mal 50kg für eine Wiederholung und konnte 45kg auf der Bank
drücken, so schaffte ich im Spätsommer 1990, nach 1,5 Jahren,
bereits 100kg für 5 Wdh. im Bankdrücken und 130kg für 6 Wdh. in der
Beuge. Mein Gewicht war in dieser Zeit von 70kg auf 92kg gestiegen.
Natürlich war ein großer Teil davon auch auf den Memory-Effekt
durch das ständige Diäten der 2 Jahre vor dem Bodybuildingstart
zurückzuführen und zudem einiges an Fett dabei, aber immerhin hatte
ich es in dieser Zeit bereits von einem 33er Oberarm auf einen 40er
geschafft.
Aber Ende 1990 sollte alles anders werden, mein Studium stand an
und damit der Umzug in eine Großstadt...


