6. Proteinoxidative Prozesse

Auf einen Punkt möchte ich bei der Zufuhr von Whey vor dem Training noch gesondert eingehen, weil dieser bei einigen immer wieder für falsche Schlussfolgerungen sorgt. Die Rede ist hier von der Proteinoxidation, bzw. der vermehrten Freisetzung von proteinoxidativen Enzymen, welche durch eine Gabe von Whey direkt vor dem Training angeregt werden könnten. Dies soll dazu führen, daß, nachdem die Proteine aus dem Whey verbrannt worden sind, sogar Muskelprotein durch diese Enzyme in größerem Umfang zur Energiegewinnung herangezogen wird, als es ohne eine Gabe von Whey der Fall wäre. Der Umfang der Verbrennung von Protein wird dabei üblicherweise über die Leucinoxidation gemessen.

Leucin ist als verzweigtkettige Aminosäure (BCAA) essentiell, also vom Körper nicht selbst herstellbar und hilft vor einem intensiven Training, in Verbindung mit den beiden anderen BCAAs Isoleucin und Valin, die Synthese der Aminosäuren Alanin und Glutamin für die Energiegewinnung mittels des Glucose-Alanin-Zyklus bei dem eventuell entstehenden Glykogenmangel aus dem Abbau von Muskelprotein zu verhindern, indem sie zu diesen umgebaut wird. Auf diese Weise kann eine Gabe von BCAAs vor dem Training die katabolen Effekte währenddessen effektiv eindämmen.

Whey wiederum besteht zu einem großen Anteil aus BCAAs, was für eine Zufuhr direkt vor dem Training sprechen würde. Die Gegner einer solche Zufuhr argumentieren aber, daß durch die Whey-Zufuhr und die darin außerdem enthaltenen anderen Aminosäuren eine effektive Versorgung mit den BCAAs nicht möglich ist, sondern sogar das Gegenteil eintritt, indem durch seine Gabe die Enzyme der Proteinoxidation erst richtig angeregt werden, wodurch am Ende nicht nur das zugeführte Whey, sondern auch weiteres Muskelprotein verbrannt wird. Whey würde somit nicht antikatabol wirken, sondern, im Gegenteil, sogar diese Effekte verstärken.

Die Aussage kann aber leider so nicht stehen gelassen werden. Zum einen laufen proteinoxidative Prozesse im Körper ständig ab und nicht nur bei Trainingsbelastung und hoher Proteinzufuhr vor dem Training. Zum anderen steigt mit diesen auch die Körperproteinsynthese an, also der Wiederaufbau von Gewebe.
Erwähnt werden sollte außerdem, daß ein nicht kleiner Teil der mit der Nahrung zugeführten Proteine ohnehin gar nicht für die Proteinoxidation zur Verfügung steht, da er bereits im Darm und der Leber hängenbleibt. Nicht zuletzt sollte bei der Wheygabe immer beachtet werden, daß die zur Verfügung gestellten Aminos ihren Peak ohnehin erst nach 60 Minuten erreichen, einem Zeitpunkt, an dem der Großteil des Trainings bereits absolviert sein sollte.
Verantwortlich für den Stand an verfügbaren Aminosäuren während des Training ist vielmehr die Zufuhr in den normalen Mahlzeiten vorher. Da die Ernährung eines Bodybuilders aber naturgemäß proteinreich ist, ist der Aminopool vor dem Training ohnehin maximal gefüllt und wird auch während des Training von den zu verdauenden Nahrungsmitteln regelmäßig mit frischen Aminosäuren versorgt. Eine effektive Verhinderung der „bösen“ Leucineoxidation würde also eine Einschränkung der Proteinzufuhr bereits in den Stunden vor dem Training und nicht nur ein Weglassen des Whey-Shakes vor dem Training bedeuten.

Letztlich ist sowieso nur die Netto-Leucine-Oxidation entscheidend. Führt man große Mengen Proteins (und nicht nur Whey) vor dem Training zu, so ist anschließend natürlich auch der Anteil an verbrannten Aminosäuren größer. Wichtig ist aber nur die Differenz zwischen zugeführten und verbrannten Aminos und diese ist immer noch so hoch, daß die Zufuhr die gewollten positiven antikatabolen Effekte erzielt. Die Möglichkeit, daß eingenommenes Whey komplett der Proteinoxidation zugeführt wird, wäre also auch bei extrem rascher verstoffwechselung nur bei sehr, sehr hohen Mengen möglich und damit in der Praxis irrelevant. Auf diese Weise ist Whey eine günstige Alternative zum Einsatz von BCAAs vor dem Training bei ähnlichem Wirkungsgrad.


Zurück Anfang Weiter

Online-Shop
Forum
Werbung