http://www.zeit.de/2007/13/M-Abnehmen?page=1
Gehörst Du zur Zielgruppe des Artikels?
Zu den Lesern der Zeit? Hin und wieder. Ist mir allerdings ehrlich gesagt als Zeitung zu umfangreich, aber das Feuilleton ist oft ganz nett.
Oder meinst Du zu den Röllchenträgern? Das auch. 

Wenn ein Dicker liest, dass er biologisch, psychologisch und sozial weitgehend determiniert ist, ist das wohl kaum ein gutes Gefühl.
Und das ist allgemein fatal, solche Artikel gibt es zu praktisch allen Gelegenheiten. Hab gerade beim Friseur in der neuen GQ was im gleichen Tenor gelesen. Thema war aber diesmal, ob es genetisch bestimmt ist, daß man ein ehrgeiziger, erfolgreicher Typ ist. Ergebnis: mindestens 50% machen die Gene aus.
Wie gesagt, ich halte solche Artikel für fatal (für ziemlich unsinnig sowieso), da man dem Menschen damit sein Recht auf Selbstbestimmung abspricht.
Wenn im GQ-Artikel steht, dass 50% der Fähigkeit, erfolgreich zu sein, durch die Gene bestimmt ist, ist das freilich Unfug, da niemand Entscheidungen messen kann. Den verschiedenen Hormone, die Hunger auslösen, kann man offensichtlich jedoch schon auf die Spur kommen. Und wenn es tatsächlich so ist, dass Dicke unempfindlich gegen Leptin sind, dann ist das schon mal ein Ansatz, Leuten, die abnehmen möchten, dabei zu helfen. Ich sehe da nichts verwerfliches.
Was Gene mit Selbstbestimmung zu tun haben, verstehe ich allerdings nicht. Der Mensch ist in jeder Beziehung determiniert, dass tut der Freiheit allerdings keinen Abbruch. Und gerade, weil wir determiniert sind, müssen wir uns, sinnloser Weise, dagegen auflehnen, weil das erst unser Mensch-Sein ausmacht. Denk doch mal ein bisschen Existentialistisch.

Objektiv gibt es dafür natürlich keinen Grund, subjektiv ist es aber für die meisten Dicken so, daß sie das Gefühl haben sich gegenüber der Gesellschaft rechtfertigen zu müssen. Wieviele Dicke gibt es, die jeden wissen lassen, wie wohl sie sich in ihrem Dicksein fühlen, in Wirklichkeit das aber als ein Schutzschild nutzen, weil es eben gerade nicht der Fall ist.
Artikel wie der in der Zeit kommen alle Nase lang wieder. Einfach weil sie eine geneigte Leserschaft finden. Und die hormonellen Vorgänge in unserem Körper sind viel zu komplex, als daß man sie auf einen Teilaspekt reduzieren könnte, wobei hier ohnehin vieles im Fluss ist, genau wie bei vielen anderen Aspekten der Ernährung. Das, was heute state of the art der Wissenschaft ist, kann in 10 Jahren wieder ganz anders aussehen.
Wie gesagt, Determinismus hin oder her, solche Artikel machen es bequemt alles auf die Genetik zu schieben. Und dabei verweise ich gerne auf meinen Genetik-Artikel.
Btw, Joschka Fischer ist für mich gerade das Beispiel, daß man eben nicht an seiner Determiniertheit klebt. Der Mann ist ein Genussmensch und deshalb ist er fett. Lass ihn einen sportlichen, gesundheitsbewussten Lebensstil führen und er würde ganz anders aussehen (wobei seine Hungeroptik auch ein Extrem war). Die meisten Menschen heute sind Ernährungsgestört in meinen Augen und deshalb kriegen wir ein Dickenproblem, genau wie in den USA. Nicht umsonst wird die Gesellschaft immer schwerer, weil unser Körper nicht mit unserer "modernen" Ernährung zurechtkommt und wir uns zu wenig bewegen. Das ist für mich aber nichts, was mit Determinismus zu tun hat, sondern mit der Degeneration der Gesellschaft.
Das steht ja auch so im Artikel:
»Die Liste der Akteure wird jeden Tag länger, inzwischen haben wir mindestens 30 Kandidaten«, sagt Brüning. »Ihre Wirkung ergibt sich meist erst im Zusammenspiel.«
Nur weil in dem Artikel von Veranlagung die Rede ist, heißt das doch noch nicht, dass er damit eine Pro-Dick-Argumentation bequem machen würde. Man kann auch zu einem Übergewichtigen sagen: Das ist eine populäre Momentaufnahme der augenblicklichen Forschung, jetzt kennen Sie die Fakten, es ist alles eine Frage Ihres Willens. Oder wie's im Text heißt:
Nur wenigen Menschen gelingt die Umstellung, oft werden sie durch ein einschneidendes Erlebnis dazu motiviert. Danach müssen sie bis an ihr Lebensende mit mentaler Disziplin gegen die körpereigenen Signale ankämpfen.
Da ist nichts mit bequemer Ausrede. Kämpfe oder Verliere, lautet die Parole.
Es ist eher eine Degeneration der Nahrungsmittelindustrie.